Die Plastiktüte

unvergänglich, unbeliebt und unersetzlich

Plastik ist verpönt. Und häufig werden Händler für die großen Mengen an Plastikmüll verantwortlich gemacht. Sollte der Handel dem Verbraucher wirklich vorgeben, wie er seine Einkäufe nach Hause trägt? famila hat sich dazu entschlossen, den Kunden selbst die Wahl zu lassen, ihnen aber Alternativen zu bieten.

Leere Einkaufswagen, Hosen, Schuhe und auch mal ein Kleinkind: Das ist mein Blickfeld. Das Fach im Kassentisch teile ich mir mit zig anderen Plastiktüten. Nebenan liegen die Papiertüten, weiter hinten Jutetaschen und Klappkörbe. Die kommen aber von weiter her und sind ziemlich wortkarg.

Es ist Sommer, doch heute regnet es offensichtlich. Kunden tragen lange Hosen, manche haben nasse Schuhe. Eine ältere Dame schüttelt ihren Einkaufsbeutel auf. Zusammengerollt und mit Klett fixiert passt dieses Modell in die kleinste Handtasche. Sehr vorbildlich. Doch es gibt auch den Arbeiter, der seine zwei Flaschen Getränke, den Schokoriegel und das Frikadellenbrötchen nicht einfach unter den Arm klemmen kann. Oder das junge Paar, das spontan mehr gekauft hat als geplant. Sie greifen an der Kasse zu einer Tüte.

Ich schreibe Ihnen, weil ich mich ungerecht behandelt fühle. Immer mehr Menschen verfluchen Plastik. Die Menschheit befürchtet, mich nie wieder loszuwerden. Man wirft mir vor, die Umwelt zu schädigen und Tiere zu vergiften. Die PlastiktüteDabei möchte ich mit Flora und Fauna gar nicht in Berührung kommen! Wir Plastiktüten sind kraftvolle, unermüdliche Helfer, die Ihnen vieles erleichtern. Als Verpackung sind wir unschlagbar – oder möchten Sie Ihren Joghurt in Pappbechern oder den Wocheneinkauf in schweren Glasbehältern nach Haus tragen?

Mein Nachbar, die Papiertüte, erhält viel Zuspruch. Dabei kann sie nicht so viel tragen wie ich. Raus in den Regen, und schon gibt sie nach. Ran an den Fahrradlenker, und die Henkel reißen ab. Was ist mir da nicht schon alles zu Ohren gekommen! Was kaum einer bedenkt: Die liebe Papiertüte weist eine viel schlechtere Ökobilanz auf als ich. Zur Herstellung wird doppelt so viel Energie benötigt. Hinzu kommt die deutlich höhere Belastung von Luft und Wasser durch Stickoxide, Schwefeldioxide und andere Chemikalien, mit denen die Zellstofffasern behandelt werden müssen. Bei der Baumwolltasche sieht es noch schlechter aus. Mein Hersteller sagt, eine Papiertüte müsse man mindestens 8 Mal verwenden, um auf eine geringere durchschnittliche Umweltbelastung zu kommen wie beim einmaligen Gebrauch von mir. Bei der Baumwolltasche wären es sogar 83 Mal!

Die PlastiktüteWenn ich nicht mehr gebraucht werde, geht es für mich in einen Recycling-Kreislauf. Neu zusammengesetzt und mit einem schicken Tattoo des Blauen Engel komme ich an anderer Stelle wieder zum Einsatz. Ich bin wie eine Patchwork-Familie oder ein starker Helfer, der zu 100 % recycelt werden kann. Das Gros des im Meer schwimmenden Plastiks, und zwar 80 Prozent (!), stammt aus Asien. Mein Verkäufer bewahrt glücklicherweise einen kühlen Kopf und bietet mich zum gleichen Preis an wie die Papiertüte. Oder soll er nun auch Messer aus dem Sortiment nehmen, weil sie am anderen Ende der Welt zweckentfremdet werden? Ich bin ein gutes Beispiel für Pauschalisierung, falsche Hysterie und voreilige Schlüsse. Stellen Sie sich doch mal vor, alle Tragetaschen (in Deutschland im Schnitt 45 Stück pro Kopf und Jahr) würden durch Exemplare aus Bio-Material ersetzt. Unter dem großflächigen Mais-Anbau leiden Böden und Klima während in der Dritten Welt Menschen verhungern. Aufgrund der größeren Dichte im Vergleich zu konventionellem Polyethylen (PE) würden die Bio-Tüten in den Weltmeeren auf den Boden absinken und sich aufgrund der niedrigen Temperaturen ebenso wenig abbauen wie PE. Eine untragbare Alternative, finde ich. Mit Papier begibt man sich praktisch genauso auf den Holzweg. Da bereits heute eine Knappheit auf dem Papiermarkt besteht, könnte die entsprechende Menge – wenn überhaupt – nur durch Abholzung neuer Baumbestände erfolgen. Eine ausschließliche Verwendung von Recycling-Papier ist zum einen mengenmäßig nicht darstellbar und zum anderen hinsichtlich der Lebensmittelunbedenklichkeit nur bedingt sinnvoll.

Zugegeben, ich bin auch nicht perfekt. Aber ich beobachte, dass immer mehr Menschen mitdenken und sich selbst eine Tasche zum Einkaufen mitnehmen. Wenn alle noch mehr darauf achten, vorhandene Ressourcen wiederzuverwenden, dann ist doch schon viel erreicht. Ein deutsches Marktforschungsinstitut hat errechnet, dass 2016 schon ein Drittel weniger Kunststofftragetaschen in den Verkehr gebracht wurden als noch 2015. Das ist doch ein toller Anfang! Und irgendwann zieht dann vielleicht auch die Industrie nach und denkt über einzeln verpackte Schokobons, Kleidung aus Polyester-Fasern, Mikroplastik in Zahnpasta und die vielen anderen Baustellen zur Plastikmüllvermeidung nach.